Ein Überblick über die wichtigsten Fakten

Veröffentlicht am 
30.7.2021
Wohnmobil

Der Diesel-Skandal geht in die nächste Runde und jetzt sieht sich auch Fiat mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Dem Autobauer wird vom Kraftfahrt-Bundesamt vorgeworfen, in seinen Ducato Motoren illegale Abschalteinrichtungen verwendet zu haben, wovon insbesondere Wohnmobile auf Ducato Basis betroffen sein sollen. Im Jahr 2021 hat der Wohnmobil Diesel-Skandal deshalb immer mehr an Fahrt gewonnen, immer mehr getäuschter Kunden entscheiden sich für eine Schadensersatzklage und fast täglich kommen neue Informationen und Erkenntnisse ans Tageslicht.

Der Diesel-Skandal: mehr als ein Volkswagen-Skandal

Der Diesel-Skandal wird nach wie vor hauptsächlich mit Volkswagen assoziiert. Im Jahr 2015 ist VW nämlich als erster Autobauer der illegalen Abgasmanipulation überführt worden – und hat damit den größten Industrieskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte ausgelöst. Was ist passiert? VW hat die Motorsteuerungssoftware in seinen Diesel-Fahrzeugen über Jahre hinweg derart manipuliert, dass das Fahrzeug lediglich auf dem Prüfstand im Labor den gesetzlichen Abgaswerten entsprach – während es auf der Straße ein Vielfaches der zulässigen Menge an Abgasen und vor allem giftigen Stickoxiden ausstieß. Das Auto war mit anderen Worten eine Mogelpackung – auf ihm stand Euro 5 drauf, in Wahrheit war aber Euro 0 drin. Diese Manipulationen waren auch kein unglücklicher Unfall, ein dummes Versehen oder die Tat eines Einzelnen, sondern man hat die Autos bewusst und willentlich so konstruiert, um Kosten zu sparen und Profite zu erhöhen – auf Kosten der Kunden und natürlich auf Kosten der Umwelt.

Nach und nach sind immer mehr Hersteller der illegalen Abgasmanipulation überführt worden und so sind neben VW und den VW-Marken auch beispielsweise Daimler, BMW oder Opel – um nur ein paar zu nennen – in den Sog des Diesel-Skandals geraten. Und zuletzt hat es auch Fiat erwischt. Im Detail war der Vorwurf immer ein wenig unterschiedlich, aber im Prinzip ging es immer, darum, dass die Fahrzeuge lediglich beim Abgastest im Labor den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, auf der Straße hingegen die Schadstoffnormen nicht einmal annähernd einhielten.

Fiat manipuliert Fahrzeuge noch lange nach Aufdeckung des Diesel-Skandals

Noch viele Jahre nach Aufdeckung des Diesel-Skandals sind bei Fiat die illegalen Manipulationen fortgesetzt worden. Konkret stehen gegen Fiat zwei Vorwürfe im Raum: erstens soll nach Unterlagen und Messungen des Kraftfahrt-Bundesamts die Abgasrückführung nach 22 Minuten zurückgefahren werden – also nach genau der Zeit, die ein Test auf dem Prüfstand dauert. Wenn der Prüfzyklus abgeschlossen ist, geht die Rate der Abgasrückführung auf fast 0 zurück – im Straßenverkehr wird der Schadstoffausstoß dann also nicht mehr durch die Abgasrückführung reduziert. Diese illegale Abschalteinrichtung ist auch einer der Kernvorwürfe in einem amerikanischen Strafverfahren gegen Fiat.

Zweitens soll nach den Messungen des KBA bei Euro 6 Fahrzeugen auch der sogenannte NOx-Speicherkatalysator manipuliert sein. Dieser Katalysator senkt den Stickoxidausstoß durch chemische Reaktionen. Dafür muss allerdings in regelmäßigen Abständen eine sogenannte Regeneration durchgeführt werden. Diese Regeneration findet bei manipulierten Fiat-Dieselmotoren nur auf dem Prüfstand statt, um den Schadstoffausstoß zu senken. Nach Ablauf der Laborprüfung regeneriert sich der Speicherkatalysator nicht mehr und die Fahrzeuge stoßen ein Vielfaches der erlaubten Menge an Stickoxiden aus. Hier ist unklar, nach welchen Kriterien die Abschalteinrichtung arbeitet – das KBA spricht davon, dass die Abschaltung der Abgasreinigung wohl durch die gefahrene Strecke, die Menge des verbrauchten Kraftstoffs bzw. auch hier durch den Ablauf einer gewissen Zeit gesteuert ist. All diese Kriterien ermöglichen es, nur auf dem Prüfstand legale Abgaswerte vorzutäuschen, die Abgasreinigung im Straßenverkehr jedoch auszuschalten.

Welche Fahrzeuge sind betroffen?

Nach derzeitigem Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass Fahrzeuge aus der Fiat und Iveco Produktion mit der Schadstoffnorm Euro 5 und Euro 6 von den illegalen Manipulationen betroffen sind, wenn sie zwischen 2014 und 2019 erstzugelassen wurden. Derzeit ist davon auszugehen, dass Fahrzeuge mit der Norm Euro 6d und 6 d-temp nicht betroffen sind. Zahlreiche Wohnmobil und Reisemobil Hersteller nutzen Fiat Ducato und Iveco Basisfahrzeuge, darunter gehören unter anderem: Adria, Bürstner, Carthago, Dethleffs, Eura Mobil, Hymer,Knaus, Niesmann & Bischoff, Pössl, Sunlight, Westfalia, Weinsberg und viele weitere mehr.

Was ist bislang bekannt?

Schon zum jetzigen Zeitpunkt, also im Sommer 2021, ist die Beweis- und Indizienlage für Fiat erdrückend.

Erkenntnisse aus den Vereinigten Staaten

Zunächst sind hier die Ermittlungen und Erkenntnisse der US-amerikanischen Behörden zu nennen, die ja auch im Volkswagen Diesel-Skandal eine entscheidende Rolle gespielt haben. So hat die US-Umweltbehörde schon im Jahr 2017 in Diesel-Fahrzeugen des Fiat Konzerns illegale Abschalteinrichtungen festgestellt und dem Konzern dafür eine dreistellige Millionenstrafe aufgebrummt. Zudem musste Fiat betroffene Verbraucher schnell und unbürokratisch mit einer Einmalzahlung entschädigen. Im April 2021 wurden dann drei führende Fiat Manager wegen dieser Diesel-Manipulationen u.a. wegen der Verschwörung zum Betrug angeklagt. In derAnklage wird das Vorgehen bei den Manipulationen recht ausführlich geschildert und hier liegt selbstverständlich der Verdacht nahe, dass die gleichen Personen mit den gleichen Methoden die gleichen Manipulationen an den Fahrzeugen für den europäischen Markt begangen haben – zumal sie ja vom Standort im norditalienischen Cento aus tätig waren. Selbstverständlich können und werden die Erkenntnisse aus den USA auch vor deutschen Gerichten eine entscheidende Rolle spielen, das war auch schon bei Volkswagen so.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Frankfurt

Und auch in Deutschland zieht der Wohnmobil Diesel-Skandal strafrechtliche Kreise. Im Juli 2020 hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main Ermittlungen gegen Fiat-Beschäftigte eingeleitet und die Geschäftsräume des Konzerns in Deutschland, Italien und der Schweiz durchsucht. Der Vorwurf: Mitarbeiter von Fiat sollen sich wegen der Verwendung von illegalen Abschalteinrichtungen des Betrugs in einem besonders schweren Fall schuldig gemacht haben. Hier muss man hinzufügen, dass solche Schritte der Staatsanwaltschaft nicht aus einer Laune heraus entstehen oder um mal zu schauen ob da was sein könnte, sondern auf fortgeschrittenen Ermittlungen und sich verdichtenden Indizien beruhen. Im Zusammenhang mit diesen Ermittlungen hat die Polizei Hessen die Käufer betroffener Fahrzeuge – mehr als 90% davon sollen Wohnmobile sein – gebeten sich als Zeugen zu melden. Wörtlich hieß es in der polizeilichen Aufforderung: „Das Polizeipräsidium Frankfurt ermittelt aktuell wegen Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges (Einbau nicht gesetzeskonformer Abschalteinrichtungen im Emissionssystem in Dieselfahrzeugen) gegen namentlich bekannte Personen“ von Fiat und Iveco.

Geleakte Dokumente

Den letzten – und für Fiat wohl am schwersten zu entkräftenden – Beweis für die illegalen Manipulationen anführen, liefert niemand geringeres als das Kraftfahrt-Bundesamt selbst. Vertrauliche Dokumente beweisen nämlich, dass die Behörde bereits im Jahr 2016 erhöhte Abgaswerte bei Fiat Ducatos gemessen hat – diese überschritten die gesetzlichen Grenzwerteteilweise um mehr als das 20-fache. In einem internen Schreiben an das Bundesverkehrsministerium hat das KBA auch keinen Zweifel daran gelassen, wie es diese Messwerte interpretiert. Nämlich, dass in diesem Fall nur illegale Abschalteinrichtungen am Werk sein konnten. Man kann sich nun zurecht fragen, warum denn dann nicht schon längst behördlicherseits etwas gegen den Betrug unternommen wurde. Die Antwort geht ebenfalls aus den geheimen Dokumenten hervor und ist so einfach, wie ernüchternd: wegen knallharter Lobbyinteressen und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.

Was bedeutet das für betroffene Kunden?

Für betroffene Kunden bedeuten diese Erkenntnisse zweierlei: erstens müssen sie in nicht allzu ferner Zukunft mit Rückrufen und Nachrüstungen rechnen, zweitens könnten Sie im Falle der Betroffenheit Schadensersatz von Fiat fordern.

Rückrufe

Wenn ein Fahrzeug nicht den gesetzlichen Vorgaben entspricht, dann darf es auch nicht auf die Straße. Deshalb müssen Fahrzeuge, die eine illegale Abschalteinrichtung enthalten, wieder in den gesetzmäßigen Zustand versetzt und deshalb nachgerüstet werden. Wie genau dieses Update aussehen wird – ob es sich also um ein bloßes Software-Update handelt, in dessen Rahmen die Manipulationssoftware entfernt wird, oder ob sogar die Hardware nachgerüstet wird – ist derzeit nicht zu sagen. Die Entscheidung darüber ist eine behördlich-politische und durch den Verbraucher selbst oder durch Rechtsanwälte nicht zu beeinflussen. Dieser Ball liegt im Feld des Kraftfahrt-Bundesamts. In einem Schreiben an die Deutsche Umwelthilfe vom Juni 2021 hat der Präsident des KBA aber bereits angedeutet, dass die Behörde derzeit Schritte prüft, „damit die Unzulässigkeiten in den betroffenen Fahrzeugen entfernt werden“. Es ist also davon auszugehen, dass diese Rückrufe und Nachrüstungen in sehr absehbarer Zeit auf Wohnmobil Eigentümer zukommen.

Wer aber denkt, dass mit den Nachrüstungen die Welt wieder in Ordnung ist, irrt sich leider gewaltig. Insbesondere Software-Updates können erwiesenermaßen schwere, negative Folgen für das Fahrzeug haben. Experten und Kunden berichten im Zusammenhang mit dem Volkswagen- und Daimler-Diesel-Skandal unter anderem von gesteigertem Kraftstoff- und AdBlue-Verbrauch, geringererLeistung, dem Verrußen des Dieselpartikelfilters und geringerer Lebensdauer der betroffenen Motoren. Und selbstverständlich übernehmen die Hersteller keine Garantie für die Folgen des Updates.

Schadensersatz

Völlig unabhängig von den Rückrufen und Nachrüstungen ist das Thema Schadensersatz. Wenn ein Fahrzeug nämlich eine illegale Abschalteinrichtung enthält, dann kann der Eigentümer vom Hersteller des Motors – in diesem Fall von Fiat – und gegebenenfalls auch vom Händler Schadensersatz verlangen. Schließlich sind betroffene Kunden ja beim Kauf des Fahrzeugs über dessen tatsächliche Eigenschaften getäuscht worden und sind einen Vertrag eingegangen, welchen Sie so nicht wollten. Diesen Schadensersatz werden sich Betroffene allerdings vor Gericht erstreiten müssen – freiwillig wird Fiat keinen Heller rausrücken. Die beruhigende Nachricht ist, dass ein solches Verfahren für Rechtsschutzversicherte völlig kosten- und risikolos und mit nur sehr geringem Aufwand ist.

Mit einer Schadensersatzklage lassen sich im Wesentlichen zwei Dinge erreichen: erstens, dass man das Fahrzeug zurückgibt und den Kaufpreis abzüglich einer Nutzungsentschädigung – die anhand der gefahrenen Kilometerberechnet wird – wieder bekommt. Da die Wohnmobile meist nur wenig gefahren sind, können Eigentümer so oftmals mehr als 90% des Kaufpreises wiederbekommen. Die zweite Möglichkeit ist, dass Betroffene ihr Fahrzeug behalten und einen Schadensersatz in Höhe von etwa 20% des Kaufpreises wiederbekommen. Für die meisten unserer Mandanten ist das die bevorzugte Alternative, auch weil sie oft lange nach dem Fahrzeug gesucht und nicht selten viel Zeit, Geld und Herzblut in ihr Womo gesteckt haben. Welche der beiden Alternativen am besten in Frage kommt, kann bis zum Tag der Urteilsverkündung offen bleiben.

Noch viele Fragen offen

Sicherlich sind noch einige Fragen offen: macht es zum Beispiel noch Sinn  mit einer Klage zu warten? Wann verjähren die Ansprüche, also wie schnell muss ich handeln? Muss ich das Update durchführen? Wie sind die einzelnen Schritte bei einer solchen Klage? Was ist wenn ich keine Rechtsschutzversicherung habe?Gibt es eine Massenklage, bzw. Musterfeststellungsklage? Bei solchen und weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne persönlich im Rahmen unserer kostenlosen Erstberatung zur Verfügung.

ts

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